Cosina: Ein Fragment (ISO 3200)

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Die folgenden Texte stammen aus einem unfertigen Zerwürfnis zwischen 2014 und 2016. Die Bilder habe ich vor wenigen Wochen auf dem Heimweg aufgenommen. Dabei habe ich das erste mal einen Schwarzweißfilm mit ISO 3200 verwendet.

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Um zu M zu gelangen muss ich ein Stück gehen, dann in die U-Bahn, aussteigen, umsteigen, eine andere U-Bahn, zwei Stationen, raus, Treppen hoch und heute wie schon letzte Woche umfängt mich der Duft von Frühling, dieser betörende, ganz eigenwillige Geruch von Pflanzen die wachsen, die ihre Pollen herausschleudern und die ich einatme und die mir Mund, Hals und Lunge verkleben. Der Frühlingsduft entsteht aus nichts als ein paar Quadratmeter Natur, ein Park neben der U-Bahnstation, mitten in dieser riesigen Stadt voll mit Menschen die ausdünsten und voll mit Imbissen die ihre widerwärtigen Fritteusendämpfe durch die Mauern blasen.

Ich bemerkte ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren, wie es vor einem Schaufenster stand und mit weit aufgerissenen Augen hineinglotzte. Während ich vorbeigehen wollte, warf ich einen neugierigen Blick in das Schaufenster. Es war leer. Der Raum dahinter wurde gerade umgebaut und außer einem fein säuberlich demontiertem weiblichen Mannequin waren nur einige Farbeimer im hinteren Bereich zu sehen. Ich bemerkte, dass das kleine Mädchen eben diesen Mannequin anstarrte, gebannt von seiner Zerstückelung, der Kopf war noch auf dem Torso angebracht, die Arme und Beine lagen auf der jeweils gegenüberliegenden Seite.

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Was war an diesem Körper, in all seiner Sinnlosigkeit, so faszinierend? Ich wollte das Mädchen fragen. Als ich mich ihm näherte, wurde es von der Mutter, die ich nicht bemerkt hatte, aber wohl am nächsten Schaufenster stand, weitergezogen. Ich blieb stehen für einen Augenblick und betrachtete diesen weißen Kunststoffkörper ohne einen weiteren, genau definierbaren Gedanken dazu zu bekommen.

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Als ich eines Mittags von M weiterging, stand B schon im Gang seiner Wohnung. Dachte, sie wäre vielleicht seine Tochter oder eine Affäre. Sie war sicherlich 20 Jahre jünger. Ich grüßte, ging durch die Türe in den Flur. Durch die Türe auf die Straße. Sie war damals schon gewöhnlich. Zwei Wochen später sah ich sie wieder. Auf meinem Weg zu M. Sie stand vor dem Schaufenster. Wie das kleine Mädchen. Ich war auf der anderen Straßenseite, mied den anderen Weg. Sie stand einfach vor dem Fenster, glotzte wie das kleine Mädchen. Als ob es davor stehengeblieben gewesen wäre. Als ob es zur Frau herangewachsen wäre. Ein drittes Mal traf ich sie bei M. Es war der Tag danach. Sie saß bei M. Als ich eintrat, sahen sie mich kurz hektisch an. Verabschiedeten sich leise, tauschten leise Worte aus, die ich nicht verstand. Sie ging.

Fragte M: Wer ist sie? Er antwortete: Nur eine Freundin. Fragte: Was macht sie hier? Sagte: Wir haben geredet. Hakte nach: Über was? Erklärte: Über alles. Interessierter: Alles? Schlicht: Sie ist wie du. Stellte fest: Aber sie sieht so gewöhnlich aus. Schlichter: Ja. Das tut sie.

Da konnte ich nicht anders wollen, als sie wiederzusehen. Ich begann, meine Gewohnheiten eine halbe Stunde früher auszuführen. Begann, mich früher zu M aufzumachen. Den Weg langsam abzugehen, mich vor der Türe seines Hauses umzusehen. Nach den Treffen mit M lange vor der Türe seines Hauses zu stehen, den Heimweg langsam anzutreten. Genau zu beobachten.

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Sie musste aus der selben Richtung gekommen sein, wie ich. Den selben Weg gegangen sein.

Ich entschied mich, die Straßenseite nicht mehr zu wechseln. Die ersten Male ging ich schnell an dem leeren Laden vorbei, bis ich dann bemerkte, dass sich hinter dem Glas etwas verändert hatte. Zwei Mannequins standen jetzt dort. Der alte war zusammengesetzt worden. Aber seine Fingerkuppen waren abgebrochen, die Fingernägel wären jeder Hand waren nur Bruchstellen im Gips. Der neue Mannequin war makellos. Perfekt proportioniert, mit glatter Haut, seine Pose war entzückend. Nur der Kopf lag, das Gesicht vom Fenster abgewandt, auf dem Boden. Mittellanges, braunes Haar war auf den schmutzigen Boden ausgebreitet.

Von der Seite hörte ich: Ich habe lieber meinen Kopf auf dem Hals. Sie stand plötzlich neben mir. Ich sagte nichts. Sah sie nur an. Sie fragte mich: Gehen oder kommen sie? Knapp: Ich gehe. Sie war sehr höflich: Wollen sie vielleicht zusammen gehen, ein Stück? Ich antwortete: Sehr gerne.

Wir sahen beide noch einen Augenblick in das Schaufenster, bevor wir uns abwandten. Tranken Kaffee und sprachen. Sie war so gewöhnlich. Unverändert. Wir trafen uns dann immer vor dem leeren Laden. Wie zufällig. Sprachen, tranken Kaffee. Ich lud sie ein in meine Wohnung, wir kochten gemeinsam. Sie ging am Abend.

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Cosina: Die erste Nacht

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Als ich das Objektiv der geladenen Cosina noch einmal mit einem Tuch abwischte, um den Staub auf der Linse zu minimieren, fiel mir auf, dass ich seit fast fünf Jahren nicht mehr wirklich fotografiert hatte. Damals habe ich viel über Fotografie gelesen, versucht, den fotografischen Blick zu erlernen, zig Filme verschossen, leere Filmdosen gesammelt. Dann nichts mehr.

Die Nacht war nicht still. Unten im Tal tobte der letzte Abend des Volksfestes. Obwohl es etwa vier Kilometer Luftlinie entfernt war, konnte man das Gebrüll der Band und der Volksfestbesucher deutlich hören. Der Himmel erhellte sich, Geschosse flogen durch die Luft, zerschnitten das klare Dunkel der Nacht. Das traditionelle Feuerwerk schloss pünktlich die Festivität nach einer Woche ab.

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Für schnelle Bilder im Dunkeln war die Lichtempfindlichkeit meiner Filme viel zu niedrig. Wenigstens waren nicht viele Menschen auf den Straßen. Ich konnte die verschiedenen Geländer, Mauervorsprünge, Zäune und Bänke als Stativ verwenden, mit blindem Vertrauen in den eingebauten Belichtungsmesser der Cosina.

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In den fünf Jahren hätte ich nichts anderes zu tun brauchen, als raus zu gehen. Die Kameras waren immer da, die Filme waren immer da. Die Motive muss man finden, ob heute oder vor fünf Jahren. Nur raus gehen, den Alltag verlassen. Sich als Beobachter an die Fersen der Menschen heften. In den pulsierenden Adern der Städte mitfließen. Aber diese Nacht in dieser Stadt glich einer Filmkulisse nach dem Dreh. Einige sammelten Pfandflaschen. Andere huschten schemenhaft über die Straßen auf der Suche nach ihrem hellen Zuhause. Irgendwo dazwischen verhallte das laute Knipsen der Cosina.

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Die Problematik des Lichts hielt mich von allem Spontanen ab. Wer fotografiert denn auch nachts? Ohne hohe Lichtempfindlichkeit, ohne lichtstarkes Objektiv? Die Wenigsten. Es war ja nur ein Testlauf mit der Cosina. Ich stieg den Domberg empor. Ein ermüdender, steiler Weg aus Pflastersteinen. Ich erwartete um diese Uhrzeit niemanden, aber die kleine Aussichtsplattform ganz oben war fast voll. Alte und junge Paare saßen auf den Bänken und pflegten ihre gegenseitige Verliebtheit in der kalten schwarzen Septembernacht. Der Blick von hier erstreckt sich über den kleinen Rest Freisings bis München. Man kann den Fernsehturm erkennen. Weiter östlich verschmutzt der Flughafen die Nacht mit einem unheimlichen Orange. Der Film war voll. Der erste Film seit fünf Jahren. 36 Bilder – sofern ich sie richtig belichtet hatte. Ich ging nach Hause, über die Berge.

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Cosina

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Die Cosina CT 1 Super mit Cosina 35 – 70mm 1:3,5 – 4,8 Objektiv.

In einem Karton voller alter kaputter Uhren, Kerzenständern und hässlichem Porzellan lag die Cosina. Zuerst ging ich vorbei, obwohl ich sie schon gesehen hatte. Oder besser ihre Umrisse, die ich grob als „Kamera“ wahrnahm. Ich hasse das Wühlen in solchen Kisten. Es fühlt sich an, wie in einer Mülltonne nach einem Schatz zu suchen, den es nicht gibt. Aber ich drehte um, kniete mich hin und fischte den Apparat aus dem Unrat heraus.

Eine klassische Spiegelreflexkamera, ohne Zweifel. Ich wog und drechte sie in meinen Händen, befühlte ihre Struktur, begutachtete Knöpfe und Funktionen. „Was kostet die?“ – „Was gibst du mir denn?“ – „5 Euro“ – „Nein, also 10 sollten es schon sein!“ – „Das ist aber nichts gescheites. Kein Name.“ – Der Verkäufer an seinem Stand verzog das Gesicht. „Nagut, machen wir 8 Euro.“ Ich betrachtete die Kamera ein letztes Mal. „Ok“. Immerhin geschickt gehandelt.

Wieder zuhause las ich einen ausführlichen Artikel über die Cosina. Kurze Zeit später hatte ich auch schon neue Filme gekauft. In der letzten Zeit hatte ich kaum fotografiert und wenn, dann nur digital. Ich entschied mich sofort für Schwarzweißfilme. Ich weiß nicht mehr recht wieso. Vor einigen Jahren hatte ich verschiedene Mittelformate mit Schwarzweißfilm bestückt. Wegen meiner Unkenntnis scheiterten diese Versuche kläglich. Mit der Canon hatte ich auch eine monochrome Zeit, aber das ist sowieso nicht das Gleiche.

Im naheliegenden drogerieführenden Supermarkt gibt es nur den Agfa APX mit Iso 100. Dafür, dass es Nacht war, als ich das erste Mal mit der so bestückten Cosina loszog, eine ganz schön karge Lichtempfindlichkeit. Allerdings konnte ich so gleich den mechanischen Selbstauslöser ausprobieren. Einen Drahtauslöser hatte ich auch noch dabei.

Die Handhabung der Kamera ist einfach. Sie besitzt die wesentlichen Funktionen einer analogen Spiegelreflex (zu meinem persönlichen Leidwesen leider keine Möglichkeit der Mehrfachbelichtung). Der eingebaute Belichtungsmesser ist ebenfalls brauchbar. Die Isowerte lassen sich zwar fast stufenlos einstellen, hören aber leider bei 1600 auf. Ein toller Apparat, Aber etwas wenige Möglichkeiten, um mit der Mechanik zu experimentieren. Soviel dazu. Zu den ersten beiden verschossenen Filmen später dann mehr.

Nimm den ganzen Koffer

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Die Kiev 60 mit einem 80mm Objektiv. Mit einem Crop von 0,6 entspricht das Objektiv einer Brennweite von 50mm bei Vollformat.

 

Als ich zu Weihnachten meine Canon bekam, war ich begeistert. Diese Kamera eröffnete mir einige Möglichkeiten. Zum Beispiel, endlich zu kapieren, welche Einstellung welche Auswirkung auf das Bild hat. Ich entwickelte langsam ein Gefühl für das Licht im Raum, für die Perspektive und die Schärfen. Gleichzeitig begann ich, mich mit dem Thema tiefergehend zu beschäftigen. Dabei stieß ich auf das Mittelformat. Der Beginn einer Freundschaft.

 

Schmuck sieht sie aus, schwer ist sie wie ein Ziegelstein.
Schmuck sieht sie aus, schwer ist sie wie ein Ziegelstein.

 

Da stand es. Hochauflösend, riesige rohe Kameras, Hasselblad, Mamiya. Sechsmalsechs. Ich war feuer und Flamme, durchwühlte Online-Portale nach solchen Kameras. Fand nur den ganzen, kompakten Schrott. Eine Agfa hatte ich schon. Sie war miserabel in ihrer Bedienung. Also fragte ich meinen Vater.

 

Zwei Suchertypen ermöglichen verschiedene Feelings beim Fotografieren. Hier der Prismensucher mit TTL Belichtungsmessung.
Zwei Suchertypen ermöglichen verschiedene Feelings beim Fotografieren. Hier der Prismensucher mit TTL Belichtungsmessung.

 

Wir rauchten im Keller eine Zigarette, sprachen über das Mittelformat. Sechsmalsechs war auch sein Liebling. Ich fragte ihn, ob soetwas hätte. Eine Hasselblad, eine Mamyia. Nein. Er kramte in Regalen herum, zog einen olivgrünen Aluminiumkoffer heraus. Macht ihn auf und reichte mir ein gefühlt fünf Kilo schweres Stück Eisen. Eine Kiev 60. Ich fragte, ob ich sie mir ausleihen dürfte. Ja, natürlich. Ich wollte wieder in mein Zimmer gehen. Nimm den ganzen Koffer. Na gut. Ein Koffer mit nahezu allen verfügbaren Objektiven. Ich war gespannt.

 

Die zweite Variante: der klassische Lichtschatsucher.
Die zweite Variante: der klassische Lichtschatsucher.

 

In meinem Zimmer betrachtete ich nochmal sorgfältig Kamera und Objektive. Ich stellte mir vor, wie schwitzende Stalinisten glühende Eisenbrocken aus riesigen Essen ziehen und daraus diese Kamera schmieden. Handlich ist sie nicht besonders. Man kommt mit den Fingern zwar überall hin, aber das Gewicht der Kiev 60 taugt nicht für einen spontanen Spaziergang. Andererseits entwickelt man eine gewisse Ruhe und Geduld. Die Kiev 60 liegt wirklich in der Hand, alles wirkt gezielter, wenn auch langsamer. Neu für mich waren auch die 12 Bilder auf einem Film. Wo ich vorher mit der DSLR in Reihe fünfzig Bilder von einem Motiv schoss und mir dann das Beste herausgesucht habe, gibt es beim Mittelformat keine Möglichkeit dazu. Der erste Schuss muss sitzen.

 

Der Himmel durch den Lichtschachtsucher.
Der Himmel durch den Lichtschachtsucher.

Apparate meines Scheiterns

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Links: Sedletz Ossarium, 2011. Rechts: Pinakothek der Moderne, 2011. Beides: Baldina.

Jeder hat seine Phasen im Leben. Es fängt an mit dem ersten Aussprechen des Wortes ‚Nein‘. Und vielleicht hört es niemals auf. Ich jedenfalls stand in meiner Jugend auf Kriegsfuß mit meinen Eltern. Ich konnte nicht viel mit ihnen reden. Mich interessierten ihre Themen nicht und ich wollte nichts von meinen Themen verraten. Natürlich wurde es besser. Als mir mein Vater dann eine Kamera zum Geburtstag schenkte, wurde es wunderbar.

Aufnahmen meiner ersten Kamera. Sie hatte schwere Verschlussprobleme.
Aufnahmen meiner ersten Kamera. Sie hatte schwere Verschlussprobleme.

Allerdings ersteigerte ich mir meine allererste Kamera bei eBay. Ich weiß nicht mehr, was es für eine war. Sie sah aber toll aus und ich konnte damit absolut nicht umgehen. Die ganzen Räder an denen ich pauschal gedreht hab, die unkontrollierte Zeit, die den Film zufällig belichtete. Man könnte sagen: experimentell. Heute sage ich: dilettantisch. Ich habe nie verstanden, um was es ging, Blende, Belichtungszeit, ISO? Keine Ahnung.

Die Baldina.
Die Baldina.

Ich bekam schliesslich eine Kamera geschenkt. Das war mir wichtig. Entgegen meiner pubertären Vorstellungen hatten mein Vater und ich doch einiges gemein. Wir lieben es zu fotografieren, darüber zu reden, Bilder zu analysieren, Tipps und Erfahrungen auszutauschen. Die Kamera besitze ich natürlich immer noch: eine Baldina, Carl Zeiss Tessar 1:3,5 mit Faltenbalg. Ein wunderschönes und kompaktes Spielzeug.

Es sind auch ganz schöne Bilder gelungen. Links: Rathausuhr Prag, 2011. Rechts: Kirchendecke Trogen, 2010.
Es sind auch ganz schöne Bilder gelungen. Links: Rathausuhr Prag, 2011. Rechts: Kirchendecke Trogen, 2010.

Das Können fehlte trotzdem noch. Wie vorher: irgendwie nach Gefühl drauf los schießen. Problem: ohne jemals die Einstellungen zu verstehen, kriegt man auch kein Gefühl. Damals wohnte ich schon nicht mehr daheim (ich war ja schon 18) und konnte mir es nicht von meinem Vater erklären lassen. Erst zwei Jahre später sollte es mir gelingen. Dazu bald mehr.

Davon habe ich eine Kiste voll.
Davon habe ich eine Kiste voll.