Cosina: Die erste Nacht

img079-1-verschoben

Als ich das Objektiv der geladenen Cosina noch einmal mit einem Tuch abwischte, um den Staub auf der Linse zu minimieren, fiel mir auf, dass ich seit fast fünf Jahren nicht mehr wirklich fotografiert hatte. Damals habe ich viel über Fotografie gelesen, versucht, den fotografischen Blick zu erlernen, zig Filme verschossen, leere Filmdosen gesammelt. Dann nichts mehr.

Die Nacht war nicht still. Unten im Tal tobte der letzte Abend des Volksfestes. Obwohl es etwa vier Kilometer Luftlinie entfernt war, konnte man das Gebrüll der Band und der Volksfestbesucher deutlich hören. Der Himmel erhellte sich, Geschosse flogen durch die Luft, zerschnitten das klare Dunkel der Nacht. Das traditionelle Feuerwerk schloss pünktlich die Festivität nach einer Woche ab.

img086-1-verschoben

Für schnelle Bilder im Dunkeln war die Lichtempfindlichkeit meiner Filme viel zu niedrig. Wenigstens waren nicht viele Menschen auf den Straßen. Ich konnte die verschiedenen Geländer, Mauervorsprünge, Zäune und Bänke als Stativ verwenden, mit blindem Vertrauen in den eingebauten Belichtungsmesser der Cosina.

img088

In den fünf Jahren hätte ich nichts anderes zu tun brauchen, als raus zu gehen. Die Kameras waren immer da, die Filme waren immer da. Die Motive muss man finden, ob heute oder vor fünf Jahren. Nur raus gehen, den Alltag verlassen. Sich als Beobachter an die Fersen der Menschen heften. In den pulsierenden Adern der Städte mitfließen. Aber diese Nacht in dieser Stadt glich einer Filmkulisse nach dem Dreh. Einige sammelten Pfandflaschen. Andere huschten schemenhaft über die Straßen auf der Suche nach ihrem hellen Zuhause. Irgendwo dazwischen verhallte das laute Knipsen der Cosina.

img081

Die Problematik des Lichts hielt mich von allem Spontanen ab. Wer fotografiert denn auch nachts? Ohne hohe Lichtempfindlichkeit, ohne lichtstarkes Objektiv? Die Wenigsten. Es war ja nur ein Testlauf mit der Cosina. Ich stieg den Domberg empor. Ein ermüdender, steiler Weg aus Pflastersteinen. Ich erwartete um diese Uhrzeit niemanden, aber die kleine Aussichtsplattform ganz oben war fast voll. Alte und junge Paare saßen auf den Bänken und pflegten ihre gegenseitige Verliebtheit in der kalten schwarzen Septembernacht. Der Blick von hier erstreckt sich über den kleinen Rest Freisings bis München. Man kann den Fernsehturm erkennen. Weiter östlich verschmutzt der Flughafen die Nacht mit einem unheimlichen Orange. Der Film war voll. Der erste Film seit fünf Jahren. 36 Bilder – sofern ich sie richtig belichtet hatte. Ich ging nach Hause, über die Berge.

img071

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s