Cosina: Ein Fragment (ISO 3200)

img160

Die folgenden Texte stammen aus einem unfertigen Zerwürfnis zwischen 2014 und 2016. Die Bilder habe ich vor wenigen Wochen auf dem Heimweg aufgenommen. Dabei habe ich das erste mal einen Schwarzweißfilm mit ISO 3200 verwendet.

*

Um zu M zu gelangen muss ich ein Stück gehen, dann in die U-Bahn, aussteigen, umsteigen, eine andere U-Bahn, zwei Stationen, raus, Treppen hoch und heute wie schon letzte Woche umfängt mich der Duft von Frühling, dieser betörende, ganz eigenwillige Geruch von Pflanzen die wachsen, die ihre Pollen herausschleudern und die ich einatme und die mir Mund, Hals und Lunge verkleben. Der Frühlingsduft entsteht aus nichts als ein paar Quadratmeter Natur, ein Park neben der U-Bahnstation, mitten in dieser riesigen Stadt voll mit Menschen die ausdünsten und voll mit Imbissen die ihre widerwärtigen Fritteusendämpfe durch die Mauern blasen.

Ich bemerkte ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren, wie es vor einem Schaufenster stand und mit weit aufgerissenen Augen hineinglotzte. Während ich vorbeigehen wollte, warf ich einen neugierigen Blick in das Schaufenster. Es war leer. Der Raum dahinter wurde gerade umgebaut und außer einem fein säuberlich demontiertem weiblichen Mannequin waren nur einige Farbeimer im hinteren Bereich zu sehen. Ich bemerkte, dass das kleine Mädchen eben diesen Mannequin anstarrte, gebannt von seiner Zerstückelung, der Kopf war noch auf dem Torso angebracht, die Arme und Beine lagen auf der jeweils gegenüberliegenden Seite.

img162

Was war an diesem Körper, in all seiner Sinnlosigkeit, so faszinierend? Ich wollte das Mädchen fragen. Als ich mich ihm näherte, wurde es von der Mutter, die ich nicht bemerkt hatte, aber wohl am nächsten Schaufenster stand, weitergezogen. Ich blieb stehen für einen Augenblick und betrachtete diesen weißen Kunststoffkörper ohne einen weiteren, genau definierbaren Gedanken dazu zu bekommen.

*

Als ich eines Mittags von M weiterging, stand B schon im Gang seiner Wohnung. Dachte, sie wäre vielleicht seine Tochter oder eine Affäre. Sie war sicherlich 20 Jahre jünger. Ich grüßte, ging durch die Türe in den Flur. Durch die Türe auf die Straße. Sie war damals schon gewöhnlich. Zwei Wochen später sah ich sie wieder. Auf meinem Weg zu M. Sie stand vor dem Schaufenster. Wie das kleine Mädchen. Ich war auf der anderen Straßenseite, mied den anderen Weg. Sie stand einfach vor dem Fenster, glotzte wie das kleine Mädchen. Als ob es davor stehengeblieben gewesen wäre. Als ob es zur Frau herangewachsen wäre. Ein drittes Mal traf ich sie bei M. Es war der Tag danach. Sie saß bei M. Als ich eintrat, sahen sie mich kurz hektisch an. Verabschiedeten sich leise, tauschten leise Worte aus, die ich nicht verstand. Sie ging.

Fragte M: Wer ist sie? Er antwortete: Nur eine Freundin. Fragte: Was macht sie hier? Sagte: Wir haben geredet. Hakte nach: Über was? Erklärte: Über alles. Interessierter: Alles? Schlicht: Sie ist wie du. Stellte fest: Aber sie sieht so gewöhnlich aus. Schlichter: Ja. Das tut sie.

Da konnte ich nicht anders wollen, als sie wiederzusehen. Ich begann, meine Gewohnheiten eine halbe Stunde früher auszuführen. Begann, mich früher zu M aufzumachen. Den Weg langsam abzugehen, mich vor der Türe seines Hauses umzusehen. Nach den Treffen mit M lange vor der Türe seines Hauses zu stehen, den Heimweg langsam anzutreten. Genau zu beobachten.

img157

Sie musste aus der selben Richtung gekommen sein, wie ich. Den selben Weg gegangen sein.

Ich entschied mich, die Straßenseite nicht mehr zu wechseln. Die ersten Male ging ich schnell an dem leeren Laden vorbei, bis ich dann bemerkte, dass sich hinter dem Glas etwas verändert hatte. Zwei Mannequins standen jetzt dort. Der alte war zusammengesetzt worden. Aber seine Fingerkuppen waren abgebrochen, die Fingernägel wären jeder Hand waren nur Bruchstellen im Gips. Der neue Mannequin war makellos. Perfekt proportioniert, mit glatter Haut, seine Pose war entzückend. Nur der Kopf lag, das Gesicht vom Fenster abgewandt, auf dem Boden. Mittellanges, braunes Haar war auf den schmutzigen Boden ausgebreitet.

Von der Seite hörte ich: Ich habe lieber meinen Kopf auf dem Hals. Sie stand plötzlich neben mir. Ich sagte nichts. Sah sie nur an. Sie fragte mich: Gehen oder kommen sie? Knapp: Ich gehe. Sie war sehr höflich: Wollen sie vielleicht zusammen gehen, ein Stück? Ich antwortete: Sehr gerne.

Wir sahen beide noch einen Augenblick in das Schaufenster, bevor wir uns abwandten. Tranken Kaffee und sprachen. Sie war so gewöhnlich. Unverändert. Wir trafen uns dann immer vor dem leeren Laden. Wie zufällig. Sprachen, tranken Kaffee. Ich lud sie ein in meine Wohnung, wir kochten gemeinsam. Sie ging am Abend.

img158

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s